Meine kleine Welt

Mit dem Trabi durch Berlin

Über 30 Jahre lang war der Trabant P601, kurz Trabi, das Fortbewegungsmittel der DDR. Seit 1958 war der Qualitätsanspruch der VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau über den damals noch existierenden antifaschistischen Schutzwall hinweg berühmt und berüchtigt. Immerhin hat es in der Regel mehr als 15 Jahre gedauert, bis so ein Fahrzeug fertiggestellt war und an seine Kunden ausgeliefert werden konnte. Dann aber brachte es treu seine Besitzer und deren Familien bis an den Balaton und das Schwarze Meer. Nur der Ballermann und das Wattenmeer blieben unerreichbar. Die Hürden waren für diese Modellreihe einfach nicht zu überwinden.
Heute findet man den Trabi nur noch sehr selten auf den Straßen des wiedervereinigten Deutschlands, obwohl die meisten Hindernisse beiseite geschafft wurden. Selbst in Regionen wie Leipzig, Halle, Dresden und Chemnitz, wo es die größten Bestände gegeben hat, ist das Fahrzeug fast vollständig ausgestorben. So kommt es, dass sich ein paar engagierte Trabischützer dafür einsetzten, dass die motorisierte graue Plastikmaus nicht vollständig aus dem urbanen Habitat der neuen Bundesländer verschwindet, und bieten damit Stadtrundfahrten in ihrer natürlichen Umgebung an. Also in Berlin überwiegend in den östlichen Stadtteilen.
Die tuckernde und stinkende Zweitackerkolonne mit Plastikverkleidung, die vorgefahren kommt, könnte sich in Zeiten von Dieselgate und Feinstaubdiskussion prima in ihrer eigenen Abgaswolke verstecken, egal ob in Pastellgrau oder Pastellgrün. Trotzdem ist es eine einzigartige Lebenserfahrung sich in eines dieser Fahrzeuge zu setzen und durch Berlin zu tuckern. Das 3,5 m lange Gefährt lässt einen gnadenlos spüren, wie klamm es um den Haushalt in Berlin bestellt ist. Jedes Schlagloch der unterfinanzierten Infrastruktur versetzt dem Fahrer einen Schlag, um ihn und seinen Allerwertesten daran zu erinnern. Tuckernd und mehr hoppelnd als fahrend durchkreuzt man Lichtenberg, Marzahn, Hellersdorf und Treptow um nach einer Stunde mit Bandscheibenvorfall und guter Laune wieder vor dem Fernsehturm in Mitte anzukommen.

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